Jetzt können wir zeigen, was wir damals getan hätten

Zurück aus der Sommerpause. Vor allem zurück mit einem Thema, das mich vermutlich in den kommenden Monaten noch stärker beschäftigen wird als bisher: Wie stärken wir Demokratie dort, wo wir selbst etwas bewirken können?
Mir graut vor dem 6. September. Zugleich hoffe ich, dass sich viele Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt im Endspurt vor der Landtagswahl noch einmal intensiv damit beschäftigen, was Parteien tatsächlich versprechen und welches Verständnis von Demokratie, Freiheit und Gesellschaft dahintersteht.
Natürlich geht es um mehr als eine einzelne Landtagswahl. Es geht um die Frage, warum immer mehr Menschen den Wert einer freien, pluralistischen Gesellschaft – und auch einer freien Wirtschaft – offenbar nicht mehr als selbstverständlich empfinden. Warum sie bereit sind, das alles zu riskieren in ihrer Unzufriedenheit. Und darum, was wir dem entgegensetzen können.
Mir ist klar, Demokratie kann sehr unbequem sein. Es ist unbequem, höchst unangenehm sogar, am Familientisch nicht einfach zu schweigen, wenn Generationen und politische Überzeugungen aufeinanderprallen. Es kostet Überwindung, einer fremdenfeindlichen oder diskriminierenden Äußerung zu widersprechen – gerade in der Öffentlichkeit. Und es ist so anstrengend, unterschiedliche Positionen auszuhalten, Quellen zu prüfen, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese gegebenenfalls auch zu revidieren.
Doch das bedeutet demokratische Verantwortung. In meiner Arbeit zur Erinnerungskultur begegnet mir immer wieder – ausgesprochen oder unausgesprochen – die Frage: Was hätte ich damals getan?
Für mich habe ich sie längst beantwortet, als ich mich vor zwei Jahren für die Gründung eines Unternehmens entschloss. Ich wollte die Frage nicht länger hypothetisch beantworten und Angebote machen.
Wir können heute zeigen, was wir damals getan hätten. Nicht, weil sich Geschichte wiederholt. Und schon gar nicht, weil sich unsere Gegenwart mit der nationalsozialistischen Diktatur gleichsetzen ließe. Aber es gibt Entwicklungen und Mechanismen, die wir sehr ernstnehmen sollten. Demokratische Haltung kann sich jedoch überall im Alltag zeigen und einen Unterschied machen: Ob wir widersprechen oder schweigen. Ob wir Menschen ausgrenzen oder ihnen zuhören. Ob wir Informationen ungeprüft weitergeben oder journalistische Standards ernst nehmen. Ob wir demokratische Auseinandersetzung als Zumutung empfinden oder als etwas, das eine freie Gesellschaft erst möglich macht.
Als ich mein Unternehmen „Kommunikation mit Haltung“ gegründet habe, wollte ich genau dafür Angebote schaffen. Sie wachsen. Im kommenden Wintersemester werde ich neben Projekt- und Medienmanagement an der Hochschule Macromedia das neue Seminar „Journalismus und Demokratie“ leiten – digital und standortübergreifend. Mit Studierenden möchte ich darüber diskutieren, welche Rolle Journalismus für eine demokratische Öffentlichkeit spielt, wie sich diese Rolle durch Plattformen, Algorithmen und Newsfluencing verändert und welche Verantwortung daraus für künftige Journalist:innen entsteht.
In Unternehmen geht es für mich zunehmend um eine verwandte Frage: Welche Rolle spielen Arbeitgeber als gesellschaftliche Räume? Wie können Mitarbeitende sprachfähig bleiben, wenn politische oder diskriminierende Aussagen im Raum stehen? Was können Führungskräfte bewirken, um Dialog- und Konfliktkompetenz zu stärken? Wie können Corporate Influencer auch als Democratic Influencer agieren, ohne dass Unternehmenskommunikation zur Parteipolitik wird? Und wie stärkt all dies eine Arbeitgebermarke?
Im individuellen Coaching begleite ich zudem Menschen, insbesondere Frauen, die die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verunsichern oder die in Unternehmen und Konzernstrukturen bereits einen Backlash erleben. Wenn sicher geglaubte Fortschritte bei Gleichberechtigung, Vielfalt oder Teilhabe wieder infrage stehen, betrifft das nicht nur abstrakte gesellschaftliche Werte. Es wirkt sich ganz konkret auf Menschen, ihre berufliche Sicherheit und ihren Handlungsspielraum aus. Hier möchte ich dabei unterstützen, die eigene Haltung zu klären, innere Sicherheit zu entwickeln und handlungsfähig zu bleiben.
In Schulen verbinde ich Zeitzeugenarbeit und Erinnerungskultur mit der Frage, was Freiheit, Vielfalt und Toleranz für junge Menschen heute bedeuten.
Und auch an der vhs Stuttgart werde ich in diesem Herbst darüber sprechen, warum Erinnerungskultur gerade jetzt wichtig ist. Und was die Lebensgeschichten von Menschen, die Ausgrenzung, Verfolgung, Haft und Zwangsarbeit erlebt haben, mit unserer Gegenwart zu tun haben.
Hochschule, Unternehmen, Schulen, Erwachsenenbildung und der ganz persönliche Raum im Coaching: Das sind sehr unterschiedliche Orte. Und doch geht es für mich immer wieder um dasselbe:
- Menschen ins Gespräch zu bringen.
- Wissen einzuordnen.
- Widerspruch auszuhalten.
- Sprachfähigkeit zu stärken.
- Und Räume zu schaffen, in denen Demokratie praktiziert wird.
Ich allein kann die Wahlen in Sachsen-Anhalt, auch Mecklenburg-Vorpommern im Anschluss, nicht drehen. Aber ich möchte nicht darauf warten, irgendwann gefragt zu werden, was wir getan hätten. Wir können es jetzt zeigen.
Herzlich
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