Ressourcen stärken, Veränderungen gestalten

Alexandra Leibfried, Journalistin, Dozentin, Systemischer Coach

Die Abschlussarbeit ist geschrieben, die letzten Schritte auf dem Weg zur Zertifizierung als Systemischer Coach gehe ich gerade. Zwei Jahre Weiterbildung am Stuttgarter Institut für Systemisches Coaching liegen hinter mir  und damit eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, was Menschen dabei unterstützt, auch in schwierigen beruflichen Situationen Klarheit zu gewinnen und handlungsfähig zu bleiben. Genau darum geht es auch in meiner Abschlussarbeit: „Innere Sicherheit in unsicheren Zeiten – Wie systemisches Coaching Menschen im Umgang mit Zukunftsangst stärken kann.“

Was kann Coaching leisten, wenn das Außen unsicher ist?

Transformation, wirtschaftlicher Druck, Stellenabbau, neue Technologien, veränderte Rollen und Erwartungen: Berufliche Sicherheit ist für viele Menschen weniger selbstverständlich geworden. Gleichzeitig erleben wir gesellschaftliche Veränderungen, die zusätzlich verunsichern können.

Das Außen können wir häufig nicht verändern. Aber wir können beeinflussen, wie wir damit umgehen. Systemisches Coaching hilft dabei, festgefahrene Situationen aus neuen Perspektiven zu betrachten und Zusammenhänge klarer zu erkennen. Es macht eigene Ressourcen, Stärken und Handlungsmöglichkeiten sichtbar, statt fertige Lösungen vorzugeben. So kann Klarheit darüber entstehen, was ich selbst beeinflussen kann und was mein nächster, selbstbestimmter Schritt sein könnte. Ein Gedanke aus meiner Facharbeit ist deshalb auch zu einer wichtigen Grundlage meiner Arbeit als Coach geworden: Systemisches Coaching schafft keine Sicherheit im Außen. Aber es kann die Fähigkeit stärken, mit Unsicherheit selbstwirksam umzugehen.

Von der Berufseinsteigerin bis zur beruflichen Mitte

Dabei interessiert mich besonders der generationenübergreifende Blick. Denn Unsicherheit begegnet uns in unterschiedlichen Phasen des Berufslebens – nur die Fragen verändern sich. Am Anfang der beruflichen Laufbahn geht es vielleicht darum: Was kann ich? Was will ich? Welcher Weg passt überhaupt zu mir? Wie treffe ich eine Entscheidung, wenn mir noch die Erfahrung fehlt, um ihre Konsequenzen einschätzen zu können? In der beruflichen Mitte stellen sich andere Fragen: Passt meine Rolle noch zu mir? Wie möchte ich führen? Wie gehe ich mit Veränderungen in meinem Unternehmen um? Will ich bleiben, mich verändern oder noch einmal etwas ganz Neues beginnen? Und wie finde ich Orientierung, wenn bisherige Gewissheiten ins Wanken geraten? Welche Art von Karriere passt (noch) zu mir?

In meinen Coachings habe ich Frauen in genau diesen unterschiedlichen Lebens- und Karrierephasen begleitet – von jungen Frauen beim Einstieg ins Berufsleben bis zu erfahrenen Fach- und Führungskräften. Der gemeinsame Nenner ist für mich dabei nicht das Alter. Es ist der Wunsch, wieder mehr Klarheit, innere Sicherheit und eigenen Handlungsspielraum zu gewinnen.

Nicht die Lösung liefern, sondern den Blick erweitern

Systemisches Coaching bedeutet keinesfalls, jemandem zu sagen, was er oder sie tun sollte. Die Klient:innen sind Experten für ihr eigenes Leben und ihre eigene berufliche Situation. Meine Aufgabe als Coach ist es, Fragen zu stellen, Perspektiven zu verändern, Muster sichtbar zu machen und Ressourcen zu aktivieren. Dabei arbeite ich unter anderem mit den Methoden Timeline, Inneres Team, dem Riemann-Thomann-Modell, Ressourcenarbeit ganz grundsätzlich oder Methoden, die dabei helfen, unterschiedliche Bedürfnisse und mögliche Wege überhaupt erst sichtbar zu machen. Oft liegt die Lösung nicht darin, möglichst schnell eine Entscheidung zu treffen. Manchmal besteht der entscheidende Schritt zunächst darin, besser zu verstehen, warum eine Situation so verunsichert und was man braucht, um wieder handlungsfähig zu werden.

Vom Menschen zur Organisation und wieder zurück

Ein wichtiger Teil meiner Weiterbildung war deshalb auch der Blick über das individuelle Coaching hinaus. Denn Menschen handeln nie losgelöst von ihrem Umfeld. Sie sind Teil von Teams, Führungskonstellationen und Organisationen mit bestimmten Rollen, Erwartungen, Regeln und Kulturen. Wer beispielsweise Schwierigkeiten damit hat, Verantwortung zu übernehmen, Widerspruch zu äußern oder Entscheidungen zu treffen, bringt nicht einfach ein „persönliches Problem“ mit. Es lohnt sich immer auch zu fragen: Was hat das mit der eigenen Rolle zu tun? Welche Dynamiken wirken im Team? Welche Strukturen fördern ein bestimmtes Verhalten und welche verhindern Veränderung? Dieser systemische Blick prägt deshalb nicht nur meine Coachings, sondern auch meine Arbeit mit Führungskräften und Organisationen.

Coachingwissen für Workshops und Organisationsentwicklung

Viele Erkenntnisse und Methoden aus meiner Weiterbildung fließen bereits in Impulsvorträge, Seminare oder Workshops ein. Dort geht es beispielsweise um Führungswerte, Dialog- und Debattenkompetenz, psychologische Sicherheit, den Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen oder die Frage, wie Teams auch unter Veränderungsdruck handlungsfähig bleiben. Dabei interessiert mich besonders die Verbindung zwischen individueller und organisationaler Entwicklung: Was braucht der einzelne Mensch und welche Bedingungen muss eine Organisation schaffen, damit Menschen Verantwortung übernehmen, sich beteiligen und Veränderungen mitgestalten können?

Das erweitert auch meinen Blick auf Unternehmenskultur. Werte, Dialogfähigkeit oder Beteiligung entstehen nicht allein dadurch, dass eine Organisation sie formuliert. Sie müssen im Arbeitsalltag erlebbar werden – in Führung, Kommunikation, Entscheidungsprozessen und im Umgang mit Konflikten. Genau an dieser Schnittstelle treffen sich für mich Coaching, Führungskräfteentwicklung und meine Arbeit rund um Dialog- und Demokratiekompetenz.

Drei Ebenen, aber eine gemeinsame Frage

Damit arbeite ich heute auf drei miteinander verbundenen Ebenen: mit einzelnen Menschen im Coaching, mit Führungskräften und Teams in Workshops und mit dem Blick auf Organisationen und ihre Kultur. Auf allen drei Ebenen geht es im Kern um eine ähnliche Frage: Wie können Menschen und Organisationen auch dann klar, verantwortlich und handlungsfähig bleiben, wenn das Umfeld unsicherer wird?

Das kann eine Einzelperson aus einem Coaching mitnehmen

Coaching ist individuell und deshalb gibt es kein Ergebnis von der Stange. Aber wenn wir einige Schritte miteinander gegangen sind, kann sich Entscheidendes verändert haben:

  • Mehr Klarheit: Eigene Bedürfnisse, Prioritäten und das, was wirklich wichtig ist, werden deutlicher.
  • Ein stärkeres Bewusstsein für die eigenen Ressourcen: Der Blick richtet sich nicht nur auf das Problem, sondern auch auf vorhandene Stärken und Möglichkeiten.
  • Ein besseres Verständnis eigener Muster: Wiederkehrende Reaktionen und Verhaltensweisen werden sichtbar – und damit auch die Möglichkeit, neue Wege auszuprobieren.
  • Mehr Handlungsspielraum: Auch wenn sich äußere Bedingungen nicht verändern lassen, wird klarer, wo eigener Einfluss möglich ist.
  • Orientierung für den nächsten Schritt: Nicht immer ist am Ende alles geklärt. Aber Entscheidungen können bewusster getroffen und Veränderungen selbstbestimmter angegangen werden.

Dies kann sich für Teams verändern

Auch Teams geraten unter Druck: durch Veränderungen, unterschiedliche Erwartungen, ungeklärte Rollen oder Konflikte. Der systemische Blick hilft dabei, nicht vorschnell einzelne Personen zum Problem zu erklären, sondern Zusammenhänge und Dynamiken sichtbar zu machen:

  • Rollen und Erwartungen werden klarer: Wer trägt welche Verantwortung – und was erwarten wir voneinander?
  • Unterschiede werden verständlicher: Verschiedene Bedürfnisse, Arbeitsweisen und Perspektiven können als Ressource genutzt werden.
  • Dialog wird möglich: Schwierige Themen, Widerspruch und unterschiedliche Meinungen können früher und konstruktiver angesprochen werden.
  • Festgefahrene Muster werden sichtbar: Das Team erkennt, welche Dynamiken die Zusammenarbeit erschweren – und wo es selbst etwas verändern kann.
  • Gemeinsame Handlungsfähigkeit wächst: Statt auf Veränderungen nur zu reagieren, kann das Team konkrete nächste Schritte entwickeln und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Und die Organisation? Sie bildet den Rahmen, in dem beides stattfindet. Strukturen, Führung und Kultur entscheiden mit darüber, ob Menschen ihre Ressourcen einbringen können, ob Teams miteinander ins Gespräch kommen und ob Beteiligung und Entwicklung tatsächlich möglich sind. Deshalb gehört für mich der Blick auf das größere System immer dazu.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner Weiterbildung mitnehme: Sicherheit lässt sich nicht immer herstellen. Aber Handlungsfähigkeit lässt sich stärken. Beim einzelnen Menschen, im Team und in der Organisation.

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Herzlich


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