Wie auf Schloss Tempelhof Demokratie gelebt wird

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Wie lernen Menschen eigentlich Demokratie? Indem sie mehr über das bekannte Politische System erfahren, über Details diskutieren und verstehen, wie sie darauf Einfluss nehmen können? Oder über Abgrenzung, indem sie sich mit besonderen Formen oder großen Abweichungen vom bekannten System auseinandersetzen? Diese Fragen hatte ich während einer Exkursion des Stuttgarter Instituts für Systemisches Coaching nach Schloss Tempelhof im Kopf. Nicht als theoretische Überlegungen, sondern beim Beobachten eines Ortes, an dem Gemeinschaft sichtbar und partizipativ organisiert wird – im Alltag, in Entscheidungen, in Verantwortung und im Zusammenleben. Aber auch so anders im Vergleich zu meinem eigenen Alltag oder dem vieler Anderer.

Schloss Tempelhof versteht sich nach eigener Darstellung nicht einfach als alternatives Wohnprojekt, sondern als „Zukunftswerkstatt“. Rund 130 bis 150 Menschen verschiedener Generationen leben dort zusammen und versuchen, neue Formen von Gemeinschaft, Wirtschaften, Bildung und Selbstorganisation praktisch zu erproben.

Mich hat dabei weniger interessiert, ob ein solches Modell für jede Lebensrealität geeignet wäre. Spannender fand ich die Erfahrung – übrigens bereits im Vorfeld – zu spüren, dass uns Orte wie der Tempelhof gleichzeitig faszinieren und irritieren. Mich als Mensch und als Systemischer Coach, aber auch unsere ganze Gruppe. Vielleicht, weil man im Tempelhof Gewohnheiten infrage stellt, die in unserer Gesellschaft tief verankert sind: die starke Orientierung an Individualisierung, Besitz und persönlicher Absicherung.

Am Tempelhof organisiert man vieles bewusst anders. Gemeinschaft ist dort nicht nur ein sozialer Gedanke, sondern strukturell verankert. Die Bewohner wollen nicht ausschließlich nebeneinander leben, sondern bringen sich zusätzlich zu ihren eigenen Berufen aktiv in die Gemeinschaft ein – etwa in Arbeitsgruppen, der Landwirtschaft, der Infrastruktur, in kulturellen Projekten oder gemeinschaftlichen Aufgaben.

Besonders spannend fand ich dabei die organisatorische Grundlage. Tempelhof basiert auf drei Säulen: Stiftung, Genossenschaft und Verein. Hinter dieser Konstruktion steht der Versuch, Macht, Verantwortung und Besitz möglichst breit zu verteilen. So gehört das Gelände einer Stiftung, die verhindern soll, dass Grund und Boden privatisiert oder spekulativ verkauft werden. Nicht Einzelne besitzen den Ort, sondern eine Struktur schützt langfristig die Idee dahinter. Auch das ist ein interessanter demokratischer Gedanke: Eigentum nicht ausschließlich als individuelles Recht zu verstehen, sondern zugleich als Verantwortung gegenüber einer Gemeinschaft und zukünftigen Generationen.

Die Bewohner wiederum sind Teil einer Genossenschaft. Die Höhe der Kapitaleinlage ist für alle gleich, jede Person hat genau eine (bzw. ihre) Stimme. Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Ungleichheit wirkt dieser Gedanke bemerkenswert aktuell.

Natürlich bedeutet Beteiligung nicht automatisch Harmonie. Im Gegenteil: Vieles scheint dort von permanenter Abstimmung, Aushandlung und Kommunikation geprägt zu sein. Entscheidungen werden möglichst partizipativ getroffen. Grundlage dafür ist der sogenannte „Wir-Prozess“, bei dem Zuhören, Verbundenheit und gemeinsame Verantwortung eine zentrale Rolle spielen. In kleinem Umfang haben wir als Gruppe ihn selbst ausprobiert. Und ja, das schlaucht.

Beteiligung als Zu-MUT-ung

Während unseres Besuchs musste ich deshalb immer wieder daran denken, wie anstrengend echte Beteiligung eigentlich sein kann und darf, damit sie in der Praxis überhaupt funktioniert. Demokratie ist langsam. Gemeinschaft kostet Zeit. Teilhabe bedeutet eben auch, Spannungen auszuhalten, Konflikte nicht sofort wegzudrücken und Verantwortung nicht permanent an andere abzugeben. Vielleicht liegt genau darin eine wichtige gesellschaftliche Erfahrung, die vielen Menschen heute fehlt.

Denn gleichzeitig erleben wir eine Zeit immens zunehmender Polarisierung, Unsicherheit und Vereinzelung. Viele Menschen sehnen sich nach Sicherheit und Zugehörigkeit, erleben aber im Alltag häufig Konkurrenz, Beschleunigung und funktionale Beziehungen. Auch Unternehmen stehen vor der Frage, wie Zugehörigkeit überhaupt noch entstehen kann.

Gerade deshalb fand ich den Bildungsansatz von Tempelhof bemerkenswert. Bildung wird dort nicht auf Schule reduziert. Der gesamte Ort versteht sich als Lernraum. Werkstätten, Landwirtschaft, Küche, Gemeinschaftsprozesse, Kulturarbeit und ökologische Praxis gehören ebenso dazu wie Kindergarten und Freie Schule. Demokratie wird dort nicht nur erklärt, sondern soll im Alltag erlebt werden.

Mich beschäftigt seit dieser Exkursion deshalb besonders eine Frage: Wie entstehen eigentlich Menschen, die sich verantwortlich fühlen – für andere, für Gemeinschaften und für eine demokratische Gesellschaft?  Vielleicht nicht allein durch politische Theorie. Sondern durch Erfahrungen von Mitgestaltung, Selbstwirksamkeit und Beteiligung.

Natürlich muss man nicht jede Idee oder jede Lebensform teilen. Auch ich sehe manches mit offenen Fragen oder kritischer Distanz. Aber genau darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke solcher Orte: Sie zwingen nicht zur Zustimmung, sondern laden zur Reflexion ein. Gerade in polarisierten Zeiten reagieren wir oft vorschnell mit Einordnung und Abgrenzung. Zu alternativ. Zu politisch. Zu idealistisch. Doch gesellschaftliche Entwicklung entsteht selten dort, wo Menschen ausschließlich unter Gleichgesinnten bleiben.

Vielleicht brauchen wir deshalb wieder mehr Räume, in denen unterschiedliche Vorstellungen von Zusammenleben sichtbar werden – nicht als fertige Lösungen, sondern als Erfahrungsorte für Demokratie, Teilhabe und Gemeinschaft. Die Exkursion nach Schloss Tempelhof hat mir und uns als Gruppe keine einfachen Antworten geliefert, aber viel Stoff zum Nachdenken und Weiterdiskutieren. Zudem habe ich interessante Aspekte und Möglichkeiten entdeckt, wie wie man Gegenwart und Zukunft auch leben und gestalten kann.

 


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