Ohne Werte keine Leistungskultur

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Wertearbeit klingt weich. Fast ein wenig nach Wohlfühlprogramm. Und genau das ist einer der größten Irrtümer unserer Zeit. Denn wer ernsthaft beginnt, über Werte zu sprechen – nicht als Marketingfloskel, sondern als gelebte Orientierung – merkt schnell: Es wird unbequem.

Werte sind keine Bulletpoints auf Karriereseiten. Keine Ergänzung im Employer Branding. Kein schmückendes Beiwerk im Nachhaltigkeitsbericht. Sondern Werte berühren Identität. Und Identität ist zutiefst emotional.

Sobald wir klären wollen, wofür wir wirklich stehen, geraten wir an Grundfragen:

  • Wie wollen wir miteinander umgehen?

  • Was verstehen wir unter Leistung?

  • Welche Haltung zeigen wir gesellschaftlich?

  • Wo ziehen wir Grenzen?

  • Was ist uns wichtiger – Sicherheit oder Veränderung?

Warum Werte Angst auslösen

Und genau hier beginnt die Anstrengung. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschrieb vier Grundformen der Angst:

  • Angst vor Nähe (Ich verliere mich.)

  • Angst vor Distanz (Ich gehöre nicht dazu.)

  • Angst vor Veränderung (Ich verliere Sicherheit.)

  • Angst vor Festlegung (Ich verliere Freiheit.)

Wertearbeit aktiviert alle vier.Wenn Unternehmen heute über Diversität, gesellschaftliche Verantwortung oder klare politische Haltung sprechen, entstehen Spannungen. Sie drücken sich pber folgende Fragen aus:

  • Wer gehört dazu – und wer fühlt sich ausgeschlossen?

  • Wie viel Veränderung ist zumutbar?

  • Wird meine Perspektive noch gesehen?

  • Wird das Unternehmen angreifbar?

Diese Dynamiken sind keine Störung. Sie sind normal. Aber sie kosten Energie, wenn sie nicht bewusst bearbeitet werden.

Die Zumutung von Klarheit

Wertearbeit bedeutet aus großen Schritt heraus aus der Komfortzone. Indem wir als Entscheider:innen oder Strateg:innen zulassen und Mitarbeitende dazu ermuntern:

  • Konflikte sichtbar machen

  • Unterschiedliche Prägungen anerkennen

  • Macht- und Statusfragen berühren

  • Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen

  • Dialog zulassen, ohne Harmonie zu erzwingen

Gerade in Zeiten von Polarisierung und wirtschaftlichem Druck erscheint es vielen Organisationen verlockend, sich auf Effizienz, KPIs und „harte Faktoren“ zu konzentrieren. Wenn es heißt: „Werte? Zu weich. Zu riskant. Zu aufwendig“, antworte ich: „Das ist zu kurz gedacht.“

Warum Neutralität keine Lösung ist

Fehlende Klarheit kostet Energie.
Fehlende Sicherheit kostet Kultur.
Unausgesprochene Spannungen kosten Leistung.

Wenn Unternehmen versuchen, Haltung zu vermeiden, entsteht eben keine Ruhe, sondern diffuse Unsicherheit. Und Unsicherheit ist der größte Produktivitätskiller.

Mitarbeitende fragen sich:

  • Wofür stehen wir eigentlich?

  • Wie weit darf ich mich positionieren?

  • Wird Vielfalt wirklich gewollt – oder nur behauptet?

  • Ist Leistung hier nur Output – oder auch Verantwortung?

Ohne Orientierung entsteht kein Vertrauen.
Ohne Vertrauen keine psychologische Sicherheit.
Ohne Sicherheit keine echte Innovationskraft.

Werte als Voraussetzung für Leistungskultur

Es ist ein Missverständnis zu glauben, Wertearbeit stehe im Gegensatz zu einer ambitionierten Leistungskultur. Das Gegenteil ist der Fall. Eine tragfähige Leistungskultur basiert auf:

  • Klarheit über Erwartungen

  • Gemeinsamen Maßstäben

  • Verlässlichem Miteinander

  • Verantwortung im Denken und Handeln

Leistungsbereitschaft entsteht nicht durch Druck allein.
Sie entsteht dort, wo Menschen wissen:

Ich kann mich einbringen.
Ich werde gehört.
Ich arbeite für etwas, das Sinn ergibt.

Psychologische Sicherheit ist kein Luxus.
Sie ist ein Wettbewerbsfaktor.

Und sie entsteht nur dort, wo Werte nicht behauptet, sondern gemeinsam reflektiert werden. Wertearbeit ist anstrengend, weil sie Entwicklung verlangt.

Sie zwingt Führung, Position zu beziehen.
Sie konfrontiert Teams mit Unterschiedlichkeit.
Sie fordert Organisationen heraus, Ambivalenz auszuhalten.

Aber genau darin liegt ihre strategische Kraft. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und ökonomischer Umbrüche brauchen Unternehmen mehr als Effizienzprogramme. Sie brauchen Orientierung. Und Orientierung entsteht nicht durch Neutralität, sondern durch reflektierte Haltung.

Vielleicht sollten wir also nicht fragen, ob wir uns Wertearbeit leisten können. Sondern: Ob wir es uns leisten können, sie zu vermeiden.

Herzlich,


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    Kommunikation mit Haltung
    Alexandra Leibfried 

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