Neue Arbeitswelt, neue Rollen

Alexandra Leibfried, Dozentin, Digitalvorlesung, Journalismus und Demokratie

Bei meiner Seminarvorbereitung für die nächste Unit „Journalismus und Demokratie“ ging es um Rollen im Journalismus. Um Information und Einordnung, Kritik und Kontrolle, um journalistisches Selbstverständnis und die Frage, welche Erwartungen eine demokratische Gesellschaft an Journalistinnen und Journalisten richtet. Natürlich in einem demokratischen System. Dabei musste ich auch an meine eigene Arbeitswoche denken und habe meine Rollen reflektiert:

  • Als Journalistin recherchiere ich, frage nach und ordne ein.
  • Als Dozentin vermittle ich Wissen und ermögliche Auseinandersetzung.
  • Als Unternehmerin entwickle ich Angebote und vertrete meine Arbeit.
  • Als Coach begleite ich Menschen dabei, eigene Antworten zu finden.

Das verlangt jeweils etwas anderes von mir: nachfragen, erklären, Position beziehen, mich zurücknehmen. Meine Erfahrung begleitet mich in alle diese Tätigkeiten. Wie ich sie einbringe, hängt von meiner jeweiligen Rolle ab.

Dieser Wechsel beschäftigt mich über meinen eigenen Alltag hinaus. Denn wenn sich Arbeit verändert, kommen auch berufliche Rollen in Bewegung. Erwartungen verschieben sich, Verantwortung wird neu verteilt, Grenzen müssen geklärt werden. Das berührt die Frage: Wie verstehe ich mich selbst in meiner Arbeit?

Zwischen Fachlichkeit, Sichtbarkeit und Verantwortung

Am Journalismus lässt sich diese Bewegung gut betrachten. Beim Trend- und Reizthema Newsfluencing geht es beispielsweise darum, wie journalistische Inhalte durch Personen sichtbar werden und Menschen erreichen. Damit verbinden sich Fragen an das eigene Rollenverständnis: Wie viel Persönlichkeit bringe ich ein? Wie positioniere ich mich? Wie verhalten sich meine öffentliche Sichtbarkeit, meine journalistische Unabhängigkeit und die Medienmarke zueinander?

Eine zusätzliche Aufgabe – etwa die Kommunikation auf einer Plattform – kann so eine grundsätzliche Auseinandersetzung auslösen: Was gehört zu meiner Rolle? Was möchte ich gestalten? Wo verläuft eine Grenze?

Ähnliche Fragen stellen sich in anderen Arbeitsfeldern. Wenn Fachkräfte Führungsverantwortung übernehmen, verändert sich ihre Beziehung zum Team. Wenn Mitarbeitende als Corporate Influencer sichtbar werden, sprechen sie als Person und werden zugleich mit ihrer Organisation verbunden. Wenn Führung mehr Beteiligung ermöglichen soll, braucht es Verständigung darüber, wer mitgestaltet und wer entscheidet.

Ein neuer Titel oder eine Aufgabenbeschreibung beantwortet diese Fragen nur zum Teil. Rollen entstehen auch durch Erwartungen, Beziehungen und die tägliche Zusammenarbeit.

Neue Verantwortung braucht Verständigung

Das begegnet mir ebenfalls bei Corporate Democratic Influencing. Mit diesem Ansatz beschäftige ich mich damit, wie Menschen und Organisationen demokratische Kultur im Arbeitsleben stärken und nach außen wirksam werden können.

Darin steckt auch eine Rollenfrage: Welche Verantwortung übernehmen Führungskräfte für eine Kultur, in der Widerspruch möglich ist? Welche Aufgabe haben HR und Kommunikation? Wie können Mitarbeitende sich einbringen? Und welche Unterstützung brauchen Menschen, wenn sie öffentlich für demokratische Werte eintreten?

Wer solche Beiträge anregen möchte, sollte die damit verbundenen Erwartungen besprechbar machen. Persönliche Überzeugung, beruflicher Auftrag und die Position einer Organisation können sich ergänzen. Sie können aber auch Spannungen erzeugen.

Für mich gehört deshalb zur Entwicklung solcher Angebote immer die Frage: Welche Verantwortung wird hier angeregt und welche Voraussetzungen braucht es, um sie tragen zu können?

Wenn Erwartungen an einer Person ziehen

Im Coaching wird die persönliche Seite solcher Spannungen sichtbar. Da ist etwa der Anspruch, fachlich zuverlässig zu arbeiten und zugleich Neues voranzubringen. Für ein Team ansprechbar zu sein und Entscheidungen durchzusetzen. Sicherheit zu vermitteln, während die eigene berufliche Zukunft ungewiss ist.

Manchmal bleiben die Erwartungen unausgesprochen. Trotzdem wirken sie: im eigenen Anspruch, in vermuteten Bewertungen anderer oder im Gefühl, niemandem ausreichend gerecht zu werden.

Die Arbeit mit einer Rollenkarte in Kombiantion mit systemischen Fragen kann helfen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Welche Rollen nehme ich ein? Wer erwartet was von mir? Welche Erwartungen habe ich selbst übernommen? Wo ergänzen sich Rollen, wo geraten sie in Konflikt?

Dabei kann auch deutlich werden, dass eine Aufgabe geklärt, eine Grenze ausgesprochen oder eine Verantwortung neu verhandelt werden muss. Nicht jede Spannung lässt sich durch mehr persönlichen Einsatz lösen.

Rollenklarheit ist eine gemeinsame Aufgabe

Gerade in Veränderungsprozessen halte ich diese Unterscheidung für wichtig. Menschen brauchen Möglichkeiten, ihr berufliches Selbstverständnis weiterzuentwickeln. Gleichzeitig brauchen sie Bedingungen, unter denen neue Erwartungen erfüllbar sind.

Wenn jemand Verantwortung übernehmen soll, muss es dafür Handlungsspielraum geben. Wenn Beteiligung erwünscht ist, braucht sie einen erkennbaren Einfluss. Wenn Sichtbarkeit zur Aufgabe wird, gehören Zeit, Unterstützung und klare Absprachen dazu. Rollenklarheit bedeutet dabei für mich, den eigenen Auftrag, die Erwartungen anderer und die Grenzen der Verantwortung besser zu verstehen. Auf dieser Grundlage lässt sich auch Neues ausprobieren.

Vielleicht verbindet das meine unterschiedlichen Tätigkeiten stärker, als es auf den ersten Blick scheint: Mich interessiert, wie Menschen und Organisationen klar, verantwortlich und handlungsfähig bleiben, wenn sich ihr Umfeld verändert.

Die Beschäftigung mit Rollen eröffnet dafür einen konkreten Zugang. Sie macht sichtbar, was wir bereits mitbringen, was andere von uns brauchen und worüber wir miteinander sprechen sollten.

Welche Rolle verändert sich gerade in Euren/Ihrem Arbeitsalltag? Und was brauchen Sie, um sie gut ausfüllen zu können? Oder wie kann ich weiterhelfen?

Schreibt mir/schreiben Sie mir per Mail an kontakt@alexandra-leibfried.com, oder über das Kontaktformular auf der Webseite – oder bucht direkt einen digitalen Kennenlern-Termin über den Kalender auf der Startseite.

Herzlich


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