Arbeitszeitexperte: „Wir müssen klüger arbeiten“

Guido Zander, Interview mit Alexandra Leibfried, Arbeitszeit, Leistung, Debatte

Guido Zander wird oft um Statements gebeten, wenn es um Debatten zu Leistung und Arbeitszeit in der deutschen Wirtschaft geht. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker und geschäftsführende Gesellschafter der SSZ-Beratung in Feldkirchen bei München hat im Herbst 2025 das Buch „Die faulen Deutschen“ (Haufe Verlag) verfasst. Im persönlichen Interview mit ihm wollte ich herausfinden, wie sich Unternehmen für 2026 aufstellen sollten, wenn es um neue Arbeitszeitmodelle geht.

Herr Zander, wir starten gleich mit einer Grundsatzfrage: Müssen die Deutschen mehr arbeiten? Sollte 2026 die Gesamtarbeitszeit erhöht werden, wie es immer wieder in den letzten Monaten seitens Wirtschaft, aber auch Politik gefordert wurde?

Guido Zander: Ich halte die Debatte für ziemlich verfahren. Wir denken immer noch zu linear: mehr Stunden gleich mehr Output. Das funktioniert vielleicht auf dem Papier, aber nicht in der Realität. Es gibt zahllose Beispiele, nehmen Sie Bayern: Es handelt sich um eines der wirtschaftlich stärksten Bundesländer, mit den meisten Feiertagen. Wenn mehr Arbeitszeit tatsächlich mehr Produktivität bringen würde, dürfte Bayern nicht an der Spitze stehen.

Was sagt das über unsere Arbeitsorganisation?

Guido Zander: Dass wir dringend umdenken müssen. Wir verschwenden in vielen Unternehmen enorme Potenziale, beispielsweise durch starre Schichtsysteme, ineffiziente Meetings und Leerlauf. In White-Collar-Berufen zeigt sich das besonders deutlich, wenn effizienter gearbeitet wird. Wenn 4-Tage-Wochen dort funktionieren, dann oft, weil man konzentrierter arbeitet, weniger Zeit vertrödelt. Die Produktivität bleibt bei weniger Präsenz.

Und in anderen Bereichen wie der Produktion?

Guido Zander: Da haben wir andere Herausforderungen. Schichtsysteme sind oft so angelegt, dass jeden Tag gleich viele Menschen arbeiten müssen. Unabhängig davon, wie viel tatsächlich zu tun ist. Das führt zu teuren Leerzeiten unter der Woche und gleichzeitig zu teuren Samstags- bzw. Wochenendschichten, wenn es eng wird. Das ist ineffizient und belastend.

Also braucht es mehr Flexibilität?

Guido Zander: Ja, aber bitte richtig verstehen: Flexibilität heißt nicht „verfügbar rund um die Uhr“. Es ist nötig, intelligente Modelle zu schaffen, die Bedarfe des Unternehmens und Lebensrealitäten der Mitarbeitenden in Einklang bringen. Das gelingt, wenn Mitarbeitende echten Einfluss auf ihre Arbeitszeitgestaltung bekommen, nicht als Geste, sondern als Prinzip.

Dennoch wirkt Flexibilität oft wie ein „Luxusproblem“. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten wird sie schnell infrage gestellt, oder nicht?

Guido Zander: Ich kenne dieses Argument und halte es für gefährlich. Flexibilität ist kein Wohlfühlfaktor, sondern ein Wirtschaftsfaktor. Sie senkt Fluktuation, Krankheitsstände, verbessert die Mitarbeiterbindung. Und: Sie steigert die Produktivität, wenn sie gut gestaltet ist. Das hat nichts mit Verwöhnung zu tun, sondern mit zeitgemäßem Arbeiten.

Haben Sie ein Beispiel?

Guido Zander: Ja, Schichttauschbörsen per App funktioniert. Unternehmen schreiben Zusatzschichten aus, Mitarbeitende können freiwillig übernehmen oder tauschen. Das bringt Selbstbestimmung ins System. Oder: Reduktion der fix geplanten Arbeitszeit mit Option auf freiwillige Zuschläge bei Bedarf. Wenn Mitgestaltung zum Standard wird, entsteht Vertrauen, und das wirkt sich positiv aus.

Das klingt nach Win-Win, aber auch nach Führungsaufgabe?!

Guido Zander: Absolut. Diese Modelle funktionieren nur, wenn Führung neu gedacht wird – als Ermöglichung, nicht als Kontrolle. Gerade bei der Rückkehr aus dem Homeoffice erleben wir, wie viele Unternehmen versuchen, wieder starre Präsenzpflichten durchzusetzen. Das ist rückwärtsgewandt. Die Frage lautet nicht: ‚Wie viele Tage im Büro?‘ Die Frage sollte heißen: ‚Was brauchen Menschen und Aufgaben wirklich?‘

Sehen Sie hier auch einen gesellschaftlichen Hebel?

Guido Zander: Ja. Arbeitszeit ist nie nur ein ökonomisches Thema, sie ist auch Ausdruck von Haltung. Wenn wir wollen, dass Menschen Verantwortung übernehmen, dann müssen wir sie auch beteiligen – an Entscheidungen, an Zeitgestaltung, an der Organisation von Arbeit. Das ist nicht nur demokratisch, es ist schlicht klug.

Und wenn Unternehmen sagen: ‚Wir können uns das nicht leisten‘?

Guido Zander: Dann frage ich zurück: Können Sie sich es leisten, ineffizient zu bleiben? Können Sie sich hohe Fluktuation leisten, Fachkräftemangel, hohe Krankheitsstände? Arbeitszeitgestaltung ist kein Feelgood-Thema – sie entscheidet über Zukunftsfähigkeit. Wer heute auf alte Modelle setzt, riskiert morgen seine Wettbewerbsfähigkeit.

Und wer neue Wege geht?

Guido Zander: Der gewinnt an Attraktivität, an Resilienz, an Innovationskraft. Aber es braucht Mut. Flexibilisierung heißt auch: loslassen von früheren Gewohnheiten und Mustern. Das fällt vielen schwer. Aber es lohnt sich für beide Seiten.

Das Gespräch führte Alexandra Leibfried

5 Impulse für Unternehmen aus dem Gespräch mit Guido Zander:

  1. Produktivität ist nicht linear. Mehr Stunden bringen nicht automatisch mehr Output – im Gegenteil: Zu lange Arbeitszeiten senken die Effizienz.

  2. Starre Systeme kosten Geld. Leerzeiten, teure Zusatzschichten und unflexible Pläne sind versteckte Kostenfallen.

  3. Flexibilität wirkt doppelt. Sie erhöht die Anpassungsfähigkeit und stärkt die Arbeitgebermarke – wenn sie partizipativ gestaltet ist.

  4. Arbeitszeit ist eine kulturelle Entscheidung. Wer Menschen an starren Zeiten misst, bekommt starre Antworten.

  5. Zukunftsfähige Führung braucht neue Denkweisen. Vertrauen, Mitgestaltung und Individualisierung sind kein Risiko, sondern Voraussetzung für Resilienz und Innovationskraft.


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